Blue Flower

Weihnachtsgruß 2021 von Pfarrer Josef Hell

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine wahre Begebenheit möchte ich zu Wort kommen lassen. Sie geschah in dieser Pandemiezeit, mitten im Alltag, an einem Morgen - nur im Zuhören:

Rhododendron und Rosenstock

In der Straßenbahn ... ist es still. Schräg vor mir - in sicherem Abstand sitzt eine alte Dame. Sie trägt einen weißen Mundschutz. Ihr gegenüber sitzt eine Frau mittleren Alters. Diese Dame hat natürlich auch einen Mundschutz, einen bunten.

Ich werde ungewollt Ohrenzeugin ihres Gesprächs:

„Ach", seufzt die Dame mit dem bunten Mundschutz, „in was für einer Zeit leben wir nur - man kriegt kaum Luft unter der Maske. Für Sie" - sagt sie zu der alten Dame - „muss das ja besonders unangenehm sein, stelle ich mir vor. Und dann die ganzen Ängste und man weiß ja gar nicht, ob es einmal besser wird..."

Die alte Dame erwidert: „Wissen Sie, ich habe einen Garten", - die andere Dame und ich spitzen die Ohren - „und vor zwei Jahren als diese Hitzewelle war, ist er total vertrocknet. Da habe ich mir auch erst Sorgen gemacht. Fast alles ist verdorrt. Ich sage fast, weil merkwürdigerweise zwei Pflanzen überlebt haben. Nämlich ein

uralter großer Rosenstock, der hat schon den Zweiten Weltkrieg gesehen - und ein Rhododendron. Normalerweise haben die gar nichts miteinander zu tun.

Aber der Rosenstock hat dem Rhododendron Schatten gegeben, den er bitter nötig hatte. Und umgekehrt sah es so aus, als würde sich der Rosenstock am Rhododendron festhalten.

Die haben sich regelrecht aneinandergeklammert, als ob der eine dem anderen was gibt, was ihm zum Überleben fehlt.

Das hat dann geklappt. Beide haben trotz der Hitze geblüht! Tja und was soll ich sagen. Sie haben beide bis jetzt überlebt. Und in Coronazeiten erinnern sie mich daran, dass sie zusammen durch diesen heißen Sommer damals gekommen sind.

Und wissen Sie, das hat doch was sehr Beruhigendes." Die Dame mit dem bunten Mundschutz hört aufmerksam zu. Wie ich…

Sich-aneinander-festhalten ist doch etwas für alle Lebewesen, denke ich. Wie sich Pflanzen gegenseitig beistehen, können Menschen das auch - gerade jetzt. Und ich finde, das Gespräch der beiden Frauen ist so ein Beispiel dafür, wie man sich gegenseitig aufrichten kann. Aneinander festhalten. Das ist nicht nur eine nützliche Sache zwischen Rhododendron und Rosenstock. Oder wenn Menschen sich in Coronazeiten trösten. Aneinander festhalten - das ist auch ein schönes Bild für die Liebe Gottes zu den Menschen. Im Schatten der Liebe Gottes kann ich mich vor der unbarmherzigen Sonne bergen. An ihm kann ich mich aufrichten und festhalten.

Daran denke ich, als ich den beiden Frauen zuhöre. Zeit auszusteigen aus der Bahn. Mein Herz ist viel leichter. (soweit der schöne Bericht) Dazu schreibt dann in etwa eine Ordensschwester (Sr. M. A. Benoit) in einem Weihnachtsbrief, den ich heute erhalten habe: „Sich-aneinander-festhalten, selbstverständlich empfangen und geben, das lehren uns … manche Pflanzen in unseren Gärten. Sich gegenseitig beistehen, das brauchen wir alle, gerade jetzt.

Miteinander wollen wir eine große Gemeinschaft bilden, ein Zuhause bereiten für die, die uns anvertraut sind, für die wir Verantwortung tragen und für uns selbst.

Und ist es nicht bemerkenswert, es ist die alte Frau, die in ihrer Lebensweisheit bescheiden der Jüngeren dient, nicht aufdringlich, aber sehr selbstverständlich.

Eine zufällige Begegnung, eine fremde Frau. Sie nimmt diesen Augen-Blick wahr und schenkt der Jüngeren ihre Erfahrung, die sie selbst stärkt, durch diese Zeit tapfer hindurch zu gehen.

Mögen wir wach sein für solche Augen-Blicke, solche Kostbarkeiten auf unserem Weg, denn - immer dann ereignet sich Gottes Geburt - in uns und um uns herum, Weihnachten, unerwartet und überraschend - mitten im Alltag!“

In diesem Sinne, wünsche ich im Namen der ganzen Vorstandschaft des Fördervereins  ein gnaden- und segensreiches Fest der Geburt Christi, ganz erfüllt vom Frieden des Neugeborenen; sowie ein gesundes und frohmachendes Jahr 2022.

Ihr

Pfarrer Josef Hell